„Nur das Beste zu geben reicht nicht. Man muss schon alles geben.“

Nina Kalmund

Erholung im Grünen gönnt sich die Wahl-Hamburgerin jeden Tag. Mit ihrem Hund geht sie gerne im Jenischpark an der Elbe spazieren.

Nina Kalmund
Der Grat zwischen Fordern und Überfordern ist schmal. Doch Nina Kalmund balanciert auf ihm wie eine Meisterin. Sie ist High Performance Coach und preisgekrönte internationale Rednerin mit dem Ziel, Menschen zu Höchstleistungen in allen Lebensbereichen anzuspornen. „Mich faszinieren alle, die nach Meisterschaft streben. Der Formel-1-Fahrer genauso wie der buddhistische Mönch“, sagt Kalmund. „Sehr gut zu sein reicht heutzutage nicht mehr aus. Es geht um ein lebenslanges Streben nach Exzellenz.“ Ihre Klientel sind internationale Führungskräfte, Inhaber großer Familienunternehmen und Spitzensportlerinnen und -sportler; Namen werden nicht verraten. „High Performance“ heißt Hochleistung. Es ist das Gegenteil von „Spitzenleistung“, die auf ein Maximum abzielt – ohne Rücksicht auf Verluste, die dabei in anderen Lebensbereichen entstehen können „Das Ziel aber ist eine lang anhaltende, nachhaltige Potenzialmaximierung“, erklärt Kalmund. „Es geht darum, ein Mehr in allen Bereichen des Lebens zu generieren und gleichzeitig das bereits Erreichte zu genießen.“ Sie ist durchgehend ausgebucht, ihre Kunden müssen sich inzwischen bei ihr bewerben. Zu Hause ist die Frau mit den langen braunen Haaren und den blauen Augen in Hamburg-Harvestehude. Dort, wo Stadtvillen aus der Gründerzeit neben einem renommierten Tenniscourt und Grünanlagen samt alter, dicker Bäume stehen.
Wer Nina Kalmund in ihrer Altbauwohnung besuchen möchte, muss aber erst einmal an Hoomy vorbei: Der schwarze Terrier, groß wie ein Shetlandpony, weicht nicht von Kalmunds Seite. Nach anfänglich lautem Bellen schläft die Hündin nun unter dem Küchentisch, während Kalmund Kräutertee in altrosa Tassen mit Goldrand schenkt. Demnächst bringt Nina Kalmund ein digitales Coaching-Programm für Frauen in Führungspositionen heraus, schließlich vollbringt sie als Mutter zweier Teenagertöchter selbst ständig den Jonglage-Akt zwischen Karriere, Kindern und Selbstanspruch. Zudem behauptete sie sich fast 20 Jahre in einer Männerdomäne; dass sie eine preisgekrönte Architektin ist, nützt ihr noch immer: „Ich besitze eine hohe Visionskraft. Ich erkenne das Potenzial eines Menschen und sehe, wie er aus einem starken Selbst agieren kann.“ Auch Nina Kalmund strebt nach Exzellenz. „Nur das Beste zu geben reicht nicht. Man muss schon alles geben“, sagt sie. Die Tochter einer jüdischen Ungarin mit britischer Staatsbürgerschaft und eines deutschen Vaters wächst in München mehrsprachig auf, besitzt einen deutschen sowie einen britischen Pass und absolviert ihr Studium summa cum laude. Als 26-Jährige leitet sie die Auslandsabteilung im Hamburger Stararchitekten-Büro BRT Bothe Richter Teherani, nach der Geburt der Kinder folgt 2006 die Mitgründung eines Architekturbüros in Hamburg.
Doch nach einem schweren Schicksalsschlag stellt Kalmund ihr bisheriges Leben infrage. Aus ihrer Krise helfen ihr Hoomy und das Schreiben. 2016 erscheint „The anagram of god is dog – Die sieben Geheimnisse für ein wahrhaftig gutes Leben“. In diesem zunächst auf Englisch erschienenen Buch geht es weniger um Hunde als um essenzielle Fragen: Wie führt man ein gutes Leben? Was gehört dazu? Und wie komme ich dahin? Ihre Beantwortung führt bei der Autorin zu radikalen Veränderungen: Die sehr konservativ geprägte Kalmund beendet ihre Ehe. „Für nichts habe ich so viel Mut gebraucht in meinem Leben“, gesteht sie
rückblickend. 2015 sattelt sie auch beruflich um und gründet mit ihrer Mutter Julia „Street Philosophy“, eine Konferenzplattform für Philosophie in München, auf der führende deutsche Denkerinnen und Denker über gesellschaftsrelevante Themen wie Ethik oder Bildung diskutieren. Parallel bildet sie sich intensiv in den USA weiter mit den Schwerpunkten Neurowissenschaften, Positive Psychologie sowie Erfolgsforschung und erlangt schließlich eine Zertifizierung zum High Performance Coach am High Performance Institute in den USA.

„Ich liebe schöne Orte“: Nina Kalmund ist Interieur-Fan, wie man an ihrem Wohnzimmer sehen kann (linke Seite). Auch für Urlaube setzt sie sich ein Ziel: jeden Tag ein Buch zu lesen.

Nina Kalmund Interieur
Für ihr Coaching münzt sie die großen Fragen der Denker zeitgemäß um: „Wer bin ich? Wie soll ich leben?“ wird somit zu „Wer will ich sein? Wie will ich leben?“. Die eigene Komfortzone zu verlassen ist der Schlüssel, um voranzukommen, das weiß Nina Kalmund nur zu gut und stellt klar: „Es gibt nicht DAS wahrhaft­ig gute Leben. Es bedeutet für jeden etwas anderes, und das soll auch so sein. Es geht darum, das eigene Leben bewusst zu gestalten, mit Mut, mit Klarheit, mit Fokus, mit Kraft­, mit Durchhaltevermögen, aber auch mit Freude und natürlich einem hohen Maß an Integrität.“ Wer ein achtsames Bewusstsein entwickelt, sei in der Lage, die Dinge aus der Vogelperspektive zu sehen. Wer das große Ganze erfasst, behalte sein Ziel im Blick und lasse sich nicht mehr so schnell von äußeren Umständen beeinflussen. Ein intensives Leben zu führen, das sei letztlich das, worauf es ankomme. Es erfordert aber auch ein hohes Maß an Disziplin. Wo sieht sie sich auf einer Skala von eins bis zehn? „Bei aller Bescheidenheit: Ich bin definitiv eine Elf!“, sagt sie und lacht. Um fünf Uhr klingelt bei ihr jeden Morgen der Wecker. Sie nutzt die frühe Stunde für Sport, Meditation und zum Lesen – rund 70 Bücher liest sie im Jahr. Zum Frühstück gibt es Zitronenwasser und einen frisch aufgebrühten Bulletproof Coffee: einen Kaffee, der mit Weidebutter und einem Extrakt aus Kokosöl („Medium Chain Triglyceride“-Öl) angereichert wird. Dazu fügt sie noch etwas Galaktose
hinzu. Dieser Einfachzucker passiert direkt die Barriere zum Gehirn und versorgt es mit Energie, ohne den Insulinhaushalt des Körpers zu beeinflussen. So könne sie optimale Hochleistung vollbringen, sagt Kalmund. Schließlich möchte sie für ihre Klientel stets sicherstellen, dass sie alles gibt. Nicht umsonst wurde sie vom Women Economic Forum bereits zweimal als „Iconic Woman – creating a better world for all“ prämiert. Doch auch ein Leben auf der Überholspur braucht mal Pausen. Mittlerweile, gesteht Nina Kalmund, sei sie san­fter mit sich selbst geworden. Eine wichtige Auszeit: Jeden Tag geht sie im Jenischpark an der Elbe spazieren und übt sich in Achtsamkeit. Blendet die Gedanken aus und nimmt stattdessen ihre Umwelt ganz bewusst wahr – das Zwitschern der Vögel, das Licht, wie es durch die Blätter der Bäume fällt, ihren Atem. „Diese langen Spaziergänge mit Hoomy verschaffen mir Abstand und lassen mich noch produktiver und kreativer sein“, sagt sie. Zudem gönnte sie sich kürzlich mit ihren Mädchen eine Woche Ferien. Das heißt bei ihr Detox der anderen Art: Handy aus, in sechs Tagen sechs Krimis lesen, auch mal Schokolade und Pommes essen und zusammen mit den Töchtern in den blauen Himmel schauen. „Freude, Dankbarkeit, persönliche Entwicklung und ein hohes Bewusstsein, dass das Leben ein Geschenk und nicht eine Bürde ist, sind mein Motor.“
CREDITS
Fotografie: Jewgeni Roppel, Text: Karola Kostede, Produktion: Michaela Stout, Styling: Ineska Barić, Hair & Make-up: Kristina Griffato/Nina Klein