Anna Lundqvist

Die schwedische Landschaftsarchitektin arbeitet mit ihrem Berliner Büro "Man Made Land" an einem zukünftigen Gleichgewicht zwischen urbanem Raum und erholsamem Grün.

Anna lundqvist

Ihr Studio wurde 2010 gegründet. Haben sich die Anforderungen seither geändert?

Der Klimawandel setzt Regenwasser weit oben auf die Agenda. Wir müssen mehr Ideen entwickeln, um mit großen Wassermengen umzugehen. Das ist eine immense Herausforderung, eröffnet aber auch neue Möglichkeiten. Kaskadensysteme helfen beispielsweise, das Wasser peu à peu abzuleiten. Außerdem setzen wir angesichts der Trockenperioden neue Baumarten für die Straßenbegrünung ein. Zum Beispiel wird der Zürgelbaum aus Südeuropa jetzt auch in Berlin gepflanzt.

Anna Lundqvist

Die Natursehnsucht wächst. Wie wirkt sich das auf die Landschaftsarchitektur aus?

Die Menschen brauchen Naturerlebnisse im unmittelbaren Umfeld. Natürlich kann man Ausflüge machen, die Großstadt verlassen – das jedoch genügt vielen nicht mehr. Unser Büro wurde, insbesondere zur Zeit des Baubooms der letzten fünf bis zehn Jahre, mit Anfragen überschwemmt. Teilweise sind die Vorstellungen aber auch unrealistisch. Es gibt zum Beispiel Architekten, die sich eine grüne Fassade wünschen, wie beim Wohnturm „Bosco Verticale“ aus Mailand. Schon dort ist so etwas sehr schwer zu realisieren, in Berlin mit seinen kalten Wintern ist es schlichtweg fast unmöglich.

Anna Lundqvist

Was macht die Farbe Grün mit Menschen? Was bewirkt ein Aufenthalt in der Natur?

Grün war schon als Kind meine Lieblingsfarbe. Es steht für Glück. In vielen Bereichen verwenden wir Grün intuitiv, weil es uns beruhigt. Aber die Wirkung der Natur auf uns hat nicht nur mit der Farbe zu tun. Natur tut uns deswegen so gut, weil sie lebt. Auch ein winterlicher Buchenwald ganz ohne Grün wirkt sich positiv auf unsere Verfassung aus.

Anna Lundqvist

In Kopenhagen haben Sie auf dem Dach der Müllverbrennungsanlage Amager Bakke eine Skipiste gebaut. Könnten solche Initiativen zur Blaupause werden?

Auf jeden Fall! Eine Müllverbrennungsanlage möchte man eigentlich gar nicht in der Stadt haben, aber sie lässt sich auch nicht wegzaubern. Die Anlage in ein Naherholungsgebiet zu verwandeln war der Reiz dieses Projekts. Ursprünglich sollte ja die Fassade gestaltet werden, wir haben jedoch das ganze Budget auf eine Dachgestaltung verwendet und diese Ganzjahres-Skipiste geschaffen, die übrigens ohne Kunstschnee auskommt. Man fährt auf Neveplast, einem Material, das durch das Kondenswasser, das bei der Verbrennung entsteht, befeuchtet wird. Und ja, ich wünsche mir mehr solcher Orte. Momentan unterstützen wir „Flussbad Berlin e. V.“ dabei, eine Bademöglichkeit an einem Spreekanal zu schaffen.

Anna Lundqvist
CREDITS
Interview: Ilona Marx


FOTOS
Stocksy.com, Man Made Land, Joost