Sie haben den Fashion Film zu den Kollektionen Frühjahr/Sommer 2022 choreografiert. War das Ihre erste Zusammenarbeit mit Marc Cain?

Ja. Als die Anfrage kam, rief ich sofort meine Mutter an. Sie sagte: „Was?! Das ist ja fantastisch!“ Meine Mutter ist der größte Marc Cain-Fan und seit Jahren Stammkundin in der Dependance in Montreal, meiner Heimatstadt. Als ich selbst dann das erste Mal im Headquarter von Marc Cain in Bodelshausen stand, war ich sehr beeindruckt – was für ein tolles Gebäude!

Wie sind Sie an die Arbeit herangegangen?

Ich habe von Marc Cain diverse Electro-Dance-Tracks zur Inspiration bekommen und konnte verschiedene Richtungen in meiner Choreografie zusammenführen. Das fand ich toll. Zum Leben erweckt wird dieser Mehrklang von drei schönen Tänzerinnen aus Berlin. Ihr Look ist sehr sexy, sie tragen beispielsweise Jacken und Blazer auf nackter Haut.

Was war für Sie die Herausforderung bei diesem Projekt?

Ich musste wie ein Filmemacher denken. Wenn du einen Tanz für eine Bühne entwickelst, ist die Blickrichtung ja immer gleich, sprich frontal. Die Choreografie für den Marc Cain-Film musste aber von allen Seiten funktionieren, da wir mit sehr dynamischen Kamerafahrten gearbeitet haben. Die Kameras umkreisten die Tänzerinnen, wir filmten auch von oben – das alles hatte natürlich großen Einfluss auf die Protagonistinnen und ihre Bewegungsabläufe.Zum Glück hatte ich zuvor gerade die Choreografie für den Kinofilm „Mackie Messer“, die Verfilmung von Brechts „Dreigroschenoper“, abgeschlossen. Diese Erfahrung hat mir sehr geholfen, in 360 Grad zu denken.

Was bedeutet Mode für Ihren Tanz?

Sie ist eine Disziplin, die mich schon lange interessiert. Vor acht Jahren choreografierte ich eine Modenschau zur Berlin Fashion Week, seit der Gründung unserer Tanzkompanie am Theaterhaus Stuttgart arbeite ich immer wieder im Modekontext. Mode spielt wie Musik eine ganz entscheidende Rolle bei meinen Choreografien. Sie steht für mich ebenso für Lebensfreude wie Tanz.

Die Tanzbiennale, die Sie vor sechs Jahren ins Leben riefen, heißt „Colours“. Ein in jeder Beziehung bunter Reigen, der Stuttgart zum Tanzmekka Deutschlands gemacht hat.

Dieser Erfolg macht mich sehr glücklich. Ich lebe den Gedanken der Community mit Haut und Haar, und es ist mir eine große Ehre, dass sich die internationale Tanzelite hier alle zwei Jahre für jeweils drei Wochen versammelt. Menschen zusammenzubringen, Gemeinschaft zu stiften, die Disziplinen miteinander zu verquicken – das ist mein Lebenselixier. Der Name „Colours“ beschreibt nicht nur die Internationalität, sondern auch das eklektische Programm des Festivals. Wir zeigen in rund 50 Veranstaltungen alles, von Tango über Flamenco bis hin zu Breakdance – immer in Relation zu Modern Dance. Inzwischen ist es das größte Tanzfestival Deutschlands und findet nicht nur auf Stuttgarts Bühnen statt. Wir holen den Tanz auch auf die Straße, bringen die Zuschauerinnen und Zuschauer zum Tanzen. Das ist ein besonderes Vergnügen.

Ihr neuestes Projekt „The Dying Swans Project“ hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Wie kam es dazu?

Angesichts der Coronapandemie konnten wir nicht gemeinsam proben und auftreten, und so ließ ich jedes Mitglied meiner Kompanie gemeinsam mit einer Choreografin oder einem Choreografen einen eigenen sterbenden Schwan entwickeln. Da wir das Ergebnisnicht auf der Bühne zeigen konnten, habe ich für die Präsentation der Arbeit jedes Duos je einen Filmschaffenden gesucht – und, da die Rechte für Musik im Film sehr teuer bezahlt werden müssen, für jeden „Dying Swan“ auch Komponisten. So hatten wir jeweils 16 Tänzerinnen und Tänzer, 16 Choreografinnen und Choreografen, 16 Filmemacherinnen und Filmemacher und 16 Komponistinnen und Komponisten, die an dem Stück beteiligt waren. Die Filme wurden vielfach auf Youtube geklickt, 3sat hat sie sofort für seine Mediathek gekauft. Im Juni zeigten wir zum ersten Mal die sogenannte Live-Experience auf der Bühne – eine Mischung aus filmischer und analoger Aufführung der sterbenden Schwäne.

ERIC GAUTHIER

2007 gründete der 44-jährige Kanadier die Kompanie Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart. Sehenswert: seine Doku-Reihe „Dance around the world“ (SWR), die zu den besten Tanzkompanien der Welt führt.
CREDITS:
Fotografie: Fabian Madzar; Tänzerinnen: Danielle, Ywei, Tatiana/Esselle Agency; Produktion/Styling: Marc Cain