Prof. Dr. Friederike Lampert

Frau Lampert, wo begegnet uns Choreografie im Alltag?

Choreografie bedeutet, Tänze zu gestalten. Alles folgt choreografischen Prinzipien: die Art und Weise, wie mich eine Stadt lenkt, wie ich mich durch sie hindurchbewege. Aber auch Vogelschwärme oder die Ordnung auf dem Schreibtisch. Choreografien bestehen aus Entscheidungen: Welche Bewegung mache ich zuerst? Wohin? Wie groß? Wie lange? Gehe ich zuerst einkaufen oder zuerst spazieren, und welche Musik höre ich dabei? Jede kleine Änderung hat Einfluss auf das gesamte Erleben.

Friederike Lampert

Wie funktioniert die Arbeit in einer diversen Gruppe wie die Ihrer Studierenden?

Ich finde es sehr fruchtbar und bereichernd. Die Studierenden werden mit unterschiedlichen Tanzverständnissen konfrontiert und können so voneinander lernen und sich gegenseitig bereichern. Es ist nicht immer einfach, mit dieser Heterogenität umzugehen – wir üben quasi im Kleinen, im Mikrokosmos Tanz, das Leben in Diversität. Tanz verbindet und hat das Potenzial, universal zu sein. Alle Menschen können sich bewegen. Werden diese Bewegungen miteinander rhythmisch kombiniert, entsteht Tanz.

Friederike Lampert

Sie forschen zu Improvisation, also zu einer Art des Tanzes, die spontan entsteht. Wie wirkt sich das auf Ihre Art zu leben aus?

Ich betrachte es nicht als etwas Schlechtes, wenn Situationen entstehen, die so nicht vorgesehen waren. Im Gegenteil können Zufälle sowohl in der Kunst als auch im Alltag sehr fruchtbar sein. Diese Art von produktiven „Fehlern” versuche ich sogar aktiv herbeizuführen, indem ich im Tanz mit Gegensätzen arbeite, die scheinbar nicht zusammengehören. Das ist wie in der Mode: Grobe Boots zu Blümchenkleidern erzeugen viel mehr Spannung als brave Sandalen. In unserem Masterstudiengang nehmen wir Studierende auf, die aus verschiedenen Ländern und tänzerisch aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen: Ballett, Contemporary, Konzepttanz, Urban Dance … Der Umgang mit Unerwartetem oder Fremdem erzeugt Offenheit.

Friederike Lampert

Wie gelingt eine gute Improvisation?

Der Sinn von Improvisationen liegt darin, neue Lösungen zu finden – dazu müssen wir unsere eigenen Muster durchbrechen, uns selbst überraschen. Das gelingt zum Beispiel mit Geschwindigkeit, indem der Körper so schnell handelt, dass er dem Kopf die Führung abjagt. Noch ein hilfreiches Prinzip: immer das Gegenteil von dem machen, was man gerade tut oder was man aus dem ersten Impuls heraus tun würde. Wer sogenannte Kontrapunkte setzt, bricht aus der Gewohnheit aus.

Friederike Lampert
CREDITS:
Interview: Lea Marlen Balzer

FOTOS:
Ineska Barić; BA Contemporary Dance ZHdK Zürich/Caroline Minjolle, 2017 Sunyixun/Getty Images, Argument/Getty Images, transcript Verlag